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Oskar Maria Graf

Die Gaby hat den Oskar Maria Graf ja noch kennengelernt.

Früher waren das hier ja alles so intellektuelle Männer.

Und jetzt sind sie dumm geworden?

Heute ist Palatschinken-Tag.

Nein. Das waren alles so Schriftsteller. So Intellektuelle.

Aber der Oskar Maria Graf hat auch viel getrunken. Der war immer besoffen, das hat die Gaby gesagt. Oder, Gaby?

Heute ist es immer noch wichtig, dass man was zu sagen hat.

Was?

Den Oskar Maria Graf, den hast du doch noch gekannt.

Ich sagte: Die Leute, die herkommen, die sollen schon was zu sagen haben. Wir reden hier nicht über Blaubeerkuchenrezepte oder das Wetter.

Ich bin die Margot aus Gifhorn.

Heute haben wir ja zwei Themen, über die wir reden können, denke ich, die Boston Bombings oder dass Obama die Abstimmung über die Waffengesetze verloren hat.

Der Tafelspitz, der schmeckt hier überhaupt nicht. Damit ist irgendwas nicht richtig. Es ist irgendetwas ganz und gar anders, als es sein sollte. Aber ich weiß nicht, was. Ganz und gar anders jedenfalls, als in Österreich. Damit stimmt etwas nicht.

Das hör ich jetzt aber zum ersten Mal.

Was sagst du da, Gaby?

Ein Pferdeschweif!

Was hat denn ein Pferdeschweif mit Tafelspitz zu tun?

Ein Pferdeschweif! Warum lacht ihr denn jetzt?

Der Obama war ja richtig sauer. Der war richtig, richtig sauer.

Zurecht! 54 zu 46, das sind weniger Leute als im eigenen Lager.

Da hat sie ihm dann eine runtergehauen.

Was sagst du da, Gaby?

Sie ist, glaube ich, immer noch bei der Oskar- Maria-Graf-Frage.

Das ist ja jetzt auch schon ein bisschen her.

Ich find ja nicht gut, dass sie das so im Fernsehen zeigen, wie man eine Bombe baut. Da stiften sie die Leute doch direkt an.

Der Obama, der war ja, das haben ja alle gehofft, das war ja das Beste was passieren konnte, dass ein Neger Präsident wird.

Ich bin die Margot aus Gifhorn, das ist in der Nähe von Hannover. Hab ich das schon gesagt?

Ich bin auch aus Hannover, Hannovergasse, Wien!

Die Gaby hat ja nächste Woche Geburtstag. 99 Jahre wird sie alt!

Ich bin nächste Woche nicht da, ich fliege nach Berlin.

Zwei sheets kriegt sie. Das haben wir doch schon geklärt.

Das war zwischen fifty-four und fifty-five Street, Ecke Lexington!

Was sagt sie?

Sie ist auf der Oskar-Maria-Graf-Frage hängen geblieben.

Die Leute haben doch auch schon Bomben gebaut, bevor das im Fernsehen zu sehen war.

Das geht ja auch ganz leicht, eine Bombe zu bauen. Das weiß ja jedes Kind, wie das geht.

Also, ich weiß das nicht.

Ich weiß das auch nicht.

Nächste Woche bin ich ja nicht da, zu deinem Geburtstag, Gaby, da bin ich in Berlin.

Ich bin auch nicht da, ich bin in Mauthausen.

Der Mann von der Gaby war auch ein Schriftsteller. Ich kann Ihnen, kann ich ihnen, Gaby? Können Sie mal den Schrank, aber vorsichtig!

Eine Ohrfeige hat sie ihm gegeben!

Aber warum denn?

Weil er so spät nach Hause gekommen ist!

Ja, und betrunken war er auch immer, der Oskar Maria Graf, nicht?

Was hat er denn geschrieben, Ihr Mann? Romane?

Wie genau definiert man das - einen Roman.

In Kreuzberg leben ja viele Türken.

Ein Roman, das ist eine lange Geschichte. Mindestens hundertzwanzig, hundertdreißig Seiten. Eine lange, zusammenhängende Geschichte. Ja, so kann man es vielleicht sagen.

Nächste Woche ist ja der Erste Mai. Treffen wir uns da trotzdem?

Ja.

Passiert denn da eigentlich irgendwas in New York?

Nein.

Doch. Wir waren letztes Jahr zu fünft im Central Park und haben die Internationale gesungen.

War da nicht auch die Demonstration der 30.000 auf dem Union Square?

Doch, die letzte Occupy-Demonstration.

Ihr wart zu fünft im Central Park und da waren 30.000 auf dem Union Square?

Ja, aber die waren nicht klassenbewusst!

Und habt die Internationale gesungen.

Ja.

Ganz heimlich.

Naja.

Aber klassenbewusst.

Das war so.

Dass der Schönberg immer noch nicht da ist. Das vergisst er doch sonst nie, dass Palatschinken-Tag ist.

Der kommt schon noch. Der kommt öfter mal erst gegen neun.

Ich hab ja meinen Mann durch die Gaby kennengelernt. Ich bin Freundin mit ihr geworden, weil meine Freundin im Lager eine Freundin von ihr war, und ich kannte doch in New York niemanden.

Das war eine sexuelle Angelegenheit!

Was? Was sagst du da, Gaby?

Sie meint die Ohrfeige.

Das war eine sexuelle Angelegenheit! Warum lacht ihr jetzt?

Weil das sehr komisch ist, was du da sagst, Gaby!

Das war zwischen fifty-four und fifty-five Street, Ecke Lexington. Da war eine Friseurin.

Ich fass es nicht, ihr wart einfach am falschen Ort.

Mit einer Friseurin?

In welchem Lager waren Sie denn?

Das war so: Die Filmemacherin hat gesagt, wir gehen nicht zum Union Square, da sind zu viele Menschen, da gehen wir unter.

Und dann geht ihr in den Central Park, wo niemand ist. Ich fass es nicht. Da geht irgendwo die Revolution los, aber egal, Hauptsache klassenbewusst und allein im Central Park.

Schreibst du deine Doktorarbeit zu Occupy?

Ich war nur in Theresienstadt.

Nein, nicht mit seiner Friseurin. Mit seiner Frau! Das war doch seine Frau. Die dritte. Die jüngere. Jedenfalls waren die zusammen.

Nein, ich schreibe zur Bankenaufsicht.

Mein Bruder ist in Mauthausen umgekommen.

Ich bin die Margot aus Gifhorn, das ist in der Nähe von Hannover. Oder Celle ist noch näher. Aber jetzt bin ich eigentlich eher in Hamburg, wenn ich in Deutschland bin. Ist aber auch egal.

Meine Mutter war auch eine Dichterin, sie hieß Blumenthal-Weiss. Ilse Blumenthal-Weiss.

Die kenn ich nicht.

Sie hat früher mit Rilke korrespondiert, daher kennt man sie vielleicht.

Nein, die kenn ich nicht.

Die Internationale habt‘s gesungen, nicht die Arbeiter von Wien, da bin ich aber enttäuscht.

Na dann hoff ich mal, dass das nicht so anstrengend wird für Sie, in Mauthausen.

Doch, das wird sehr anstrengend.

Und außer dem Roman gibt es noch Drama, das ist Theater. Und Lyrik. Lyrik, das sind Gedichte, die sind sehr kurz und sehr schön. Und manchmal reimen sie sich.

Das war eine sexuelle Angelegenheit!

Was sagt sie?

Ich war ja harmlos im Vergleich!

Sie ist einfach darauf hängen geblieben, auf der Geschichte mit dem Oskar Maria Graf.

Ich war ja harmlos im Vergleich!

Ja, Gaby. Dagegen warst du harmlos.

Den Armreif haben wir ihr ja auch zum Geburtstag geschenkt. Irgendein runder Geburtstag. Welcher war das nochmal? 90? Oder 80?

Na, ich bin jedenfalls in Berlin.

Die Palatschinken sind wirklich sehr lecker.

Haben Sie noch Familie in Berlin?

Nein.

Das Gold ist heute ein Vermögen wert.

Ja, ich weiß.

Na, gerade auch schon wieder nicht mehr so.

Stimmt, jetzt ist es gerade wieder gefallen.

Die hat mir doch der Stammtisch geschenkt!

Ja genau, Gaby, der Stammtisch. Vom Oskar Maria Graf. Das sind wir.

Nein, ich habe keine Familie mehr.

Der Fotograf hat gesagt, dass ich schöne Falten hätte.

Das hat mir ja noch nie jemand gesagt.

Ich häng ja auch nicht mit dem Gesicht an ’ner Litfaßsäule in der Friedrichstraße. Diese Litfaßsäule, wo das Mahnmahl für den Kindertransport steht.

Kenn ich nicht. Kennst du das?

Da stehen so viele Mahnmale.

Meine Mutter war sehr modern - eine Sportlehrerin - das habe ich aber erst sehr viel später erkannt.

Wenn ihr diese Palatschinken hier lecker findet, dann wart ihr aber schon lange nicht mehr in Wien.

Ich habe ja damals bei den Salzburger Nachrichten geschrieben – gibt’s die noch?

Ja.

Gibt’s den, wie hieß er denn, der Sportredakteur - Russelmeier, gibt’s den noch?

Nein.

Als sie tot war, hab ich mal eins ihrer Gedichte gelesen, da hab ich erst erkannt, wie modern die waren. Da hab ich mich aber ganz schön gewundert.

Ich würde jetzt gerne pfeifen.

Warum willst du denn jetzt gerne pfeifen, Gaby?

Aber ich kann nicht.

Ich glaube, das ist nicht so schlimm.

Ich möchte jetzt gerne pfeifen.

Ich glaube, du musst jetzt nicht pfeifen, Gaby.

Aber ich kann nicht. Warum lacht ihr denn jetzt?

Ich kann mich an nichts mehr erinnern, was in Berlin war. Die erste Erinnerung, die ich hab, da bin ich zehn. Ich glaube, das ist psychologisch. Ich hatte auch nie eine Schultüte. Später, in New York, hat mir dann mal jemand eine Schultüte geschenkt, damit ich auch eine habe. Die steht bei mir zu Hause. Aber die ist jetzt leer.

Mein Geschichtslehrer hat noch gesagt: in Deutschland gab’s keine KZs.

Mauthausen ist ja auch in Österreich.

Ja, das hab ich gewusst.



Dom. Tempel. Kirche.

Und die Welt in Flammen.

Reim es zusammen.

Es reimt sich nicht.

Ilse Blumenthal-Weiss



[Gaby pfeift.]