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Brotchips für die Welt

von Ellen Wesemüller


Du kommst, wie so oft in letzter Zeit, lange nach Feierabend nach Hause. Du sagst, wie so oft in letzter Zeit, dass du nicht fertig geworden seist, dass du dir Arbeit mitgenommen habest. Du wissest nicht mehr, wo dir der Kopf stehe, sagst du, du seist müde und abgespannt, und ob es noch etwas zu essen gebe.

Wenn du von deiner Arbeit sprichst, der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, dann sprichst du es nicht wie eine Abkürzung aus: Geh I Zett, sondern ziehst die Buchstaben zusammen: Gitz. Das klingt dann jedes Mal ein bisschen so wie Glitz, wie Glitzer. Das passt auch schon, denke ich: Glitz wie die glitzernden Schuhe, die du anziehst, bevor du aus dem Haus gehst, Glitz wie deine glitzergute Bezahlung, Glitz wie die Glitzerrestaurants, in die du uns einlädst, wenn wir über das Wochenende wegfahren.

Bevor du von deiner Arbeit nach Hause kamst, habe ich die Wohnung aufgeräumt und saubergemacht, eingekauft und deine Kinder vom Kinderladen abgeholt, mit ihnen gespielt und für sie gekocht und als sie das Gekochte nicht mochten habe ich ihnen Müsli auf den Tisch gestellt und sie Fernsehen lassen und als sie den Film zu gruselig fanden, habe ich sie getröstet und ihnen erklärt, dass es in Meeren keine Ungeheuer gebe, sondern höchstens große Fische. Als sie nach dir fragten, habe ich gesagt, du werdest gleich kommen, und als du nicht gleich kamst, habe ich gesagt, du kommest später. Als eins der Kinder eine nasse Hose bekam, wollte ich es wickeln, aber das Kind wollte nicht, es wollte nur von dir gewickelt werden, hat es ausrichten lassen über seine Schwester, die Übersetzerin.

Du lässt dich auf den Küchenstuhl fallen. Du isst die kalten Spaghetti. Nach dem Nachschlag öffnest du ein Bier, dann stellst du dich zum Rauchen auf den Balkon. Du stöhnst und sagst, du wissest einfach nicht, wie du das alles noch schaffen sollest.

Du schaust mich nicht an, während du das sagst, deine Augen heften sich an die Wand hinter mir – dein graues Haar, deine Wachshaut – und ich wünsche mir, dass du aufwachst. Wach, sage ich, das warst du doch früher mal, weißt du noch?, aber früher, da habe ich dich noch gar nicht gekannt, und also sage ich es nicht.

Du musst das Kind wickeln, sage ich stattdessen, dann wasche ich deinen Teller ab und du wickelst das Kind und dann legst du dich mit beiden Kindern ins Kinderbett und dann schläfst du ein. Nach einer Weile rufen die Kinder, ich putze ihnen die Zähne und irgendwann schlafen auch sie. Ich lege mich in das leere Doppelbett im Zimmer nebenan, ich starre in die Nacht, dann schließe ich die Augen und die Nacht starrt zurück.


Du flüsterst: Du musst mir helfen. Du habest dich im Datum geirrt, flüsterst du, mit der Deadline für die Abgabe eines Untersuchungsberichtes, um 24 Stunden geirrt, sagst du, um ganz genau zu sein.

Ich sage (oder es sagt aus mir heraus): O. K., denn ich habe keine Arbeit, die ich vorbringen könnte, denn nachdenken, schreiben, aufräumen, saubermachen, einkaufen, Kinder abholen, kochen und trösten, das kann ja irgendwie nicht alles sein, da habe ich ja bestimmt noch irgendwelche Kapazitäten, denke ich (oder: denkt es in mich hinein).

Es wird nicht einfach werden, sagst du. Es wird ein langer Weg. Zunächst musst du über die Wiesen am Bahndamm gehen, sagst du, über die Brachflächen vor dem Haus deiner Eltern.

Ich denke: Auf den Wiesen am Bahndamm vor dem Haus meiner Eltern ist es sehr schön. Keine Blumen blühen dort, keine Bäume wachsen. Nur Pfützen liegen da herum und Metall, Papiertaschentücher und Sand. Von den Wiesen aus kann man auf den Bahndamm klettern, einfach so. Die Bahn ist nicht geschützt vor den Menschen und die Menschen sind nicht geschützt vor der Bahn. So kann man sich auf die Schienen legen. Aber niemand legt sich auf die Schienen, ich auch nicht, natürlich nicht. Aber man könnte.

Wenn du über die Wiesen gegangen bist, sagst du, wenn du den Bahndamm überquert hast, wenn du es so weit geschafft hast, dann musst du weiter geradeaus gehen, bis nach Afrika.

Welches Land da genau?, frage ich, weil ich weiß, dass Afrika kein Land ist.

Egal, sagst du kurz angebunden, denn du wirst nicht gerne unterbrochen: Such dir einfach zwei Länder aus.

Ich überlege kurz und sage dann: Von Nigeria nach Mali (doch kaum habe ich das gesagt, fällt mir ein, dass die Bundeswehr in Mali intervenieren will, das ist vielleicht kein so gutes Zeichen, denke ich, das heißt wahrscheinlich, dass es dort nicht besonders sicher ist).

Nach Mali, sagst du.

Malawi habe ich gesagt, sage ich schnell (und denke: Nein! Von Nigeria nach Malawi ist es viel zu weit, das schaffe ich nie an einem Tag),

Milan!, sage ich, doch so heißt dein Kind,

Milana!, sage ich (und denke: das ist eine Insel, die zu Spanien gehört, sie liegt an der Stelle, wo Ceuta ist),

Milano! Mailand!, rufe ich (weil mir auffällt, dass ich mir das mit der Insel gerade nur ausgedacht habe, denn an der Stelle, wo Ceuta ist, ist eben: Ceuta).

Milana also, sagst du, breitest eine Landkarte auf deinen Knien aus und legst deinen Zeigefinger auf eine Stelle im Atlantik. Ich erschrecke, dass es die Insel, die ich mir gerade erst ausgedacht habe, plötzlich wirklich gibt, aber zu meiner Erleichterung sagst du sofort: Diese Insel können wir nicht nehmen. Das ist nicht Subsahara-Afrika, sagst du, und deine Arbeit liege in Subsahara-Afrika.

Was ist deine Arbeit?, frage ich.

Deine Arbeit, so erklärst du mir an diesem Abend zum ersten Mal und schiebst ein, dass du das jetzt einmal in einfachen Worte ausdrücken werdest, deine Arbeit, sagst du, sei es, durch die Wüste zu gehen, nackte Männer zu finden, eine Brotchips-Tüte zu öffnen, zum Beispiel die der Marke Snacky Cracky, die der Marke Crusti Croc würde es aber auch tun, Hauptsache ohne Geschmacksverstärker, und den Männern damit den Schweiß vom Bauch zu streichen. Dann würdest du den Brotchips ablecken und in einer geheimen Werteskala notieren, wie gut der Brotchips geschmeckt habe. Beim letzten Brotchips-Test hättest du beispielsweise ein „L-“ in die Werteskala eingetragen, das entspreche ungefähr einer 4+.

Um das Ganze zu veranschaulichen, sagst du: Ein Beispiel. Du stellst den Beamer an und startest ein Lernvideo. Ich sehe dich, du stehst neben einem Mann, der in einem Liegestuhl in der Wüste sitzt. Der Mann ist nackt, du trägst die olivgrüne Uniform eines Großwildjägers. Du beugst dich über ihn, fährst mit einem Chip seine Haut ab, leckst an dem Chip und noch einmal und noch einmal.

Ich werde eifersüchtig und ich verstehe: Es geht dir gar nicht um die Werteskala. Es geht der ganzen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit nicht um die Werteskala. Es geht der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit noch nicht einmal um Zusammenarbeit, denn hier hält nichts zusammen, hier zerfällt alles, zerstückelt den Menschen: in seine festen Muskeln, in seine gespannte Haut, in seinen perlenden Schweiß, für den bittersüßen Geschmack auf deiner Zunge.

Du schweigst, denn du bist am Ende deiner Ausführungen.

Ich möchte dir sagen, dass ich deine Arbeit nicht übernehmen kann.

Stattdessen sage ich: Ich habe da noch ein paar Fragen,

und denke sofort: Nein, so darf man gar nicht erst anfangen. Denn auf Fragen gibt es Antworten. Ich hätte den Satz ganz anders formulieren müssen. Ich hätte vielmehr einen ganz anderen Satz sagen müssen. Ich hätte gleich von Anfang an sagen müssen, dass ich diese, die deinige Arbeit, die Arbeit der Gesellschaft für Internationale Zerstückelung, nicht übernehmen will.

Dann spüre ich den nackten, faltigen Po deines Kindes auf meinem Unterarm, meine Haut wird nass. Das Kind trägt keine Windeln mehr. Es habe beschlossen, erwachsen zu werden, sagt es.

Frag' deine Fragen, sagst du.

Wie komme ich überhaupt nach Afrika, frage ich. Mit dem Kompass?

Mit dem Navi, sagst du und zeigst mir das Gerät aus deinem Auto.

Ich tippe aus Testzwecken ein: 'Kapverdische Inseln' und ein paar rotgepunktete, elektronische Pfeile zeigen nach links unten. Naja, denke ich, das stimmt zwar, ist aber auch ein bisschen ungenau.

Wie soll ich mit den Männern reden?, frage ich.

Du gibst mir ein Blatt Papier. Du sagst: Du wirst den nackten Männern diesen Zettel reichen, darauf wird ihnen unsere Forschungsarbeit erklärt. Dort stehe, sagst du, dass die Ureinwohner Afrikas zunehmend an AIDS stürben, und dass die Forscher herausbekommen wollten, warum.

Und das geht mit dem Brotchips-Test?, frage ich.

Nein, sagst du, aber das steht da ja auch nicht.

Und ich verstehe: Das mit dem AIDS steht nur so da, auf diesem Zettel, und gleichzeitig schmeckst du den Schweiß der Männer, und weil das dann so nebeneinander steht, oder gleichzeitig passiert, scheint es, als ob der Text den Test begründet, als ob das eine das andere bedeute, dabei ist es genau andersrum: der Test begründet den Text.

Und in welcher Sprache steht das da?, frage ich.

In afrikanischer Sprache, sagst du mit professioneller Knappheit.

Ich weiß jedoch nicht nur, dass Afrika kein Land ist, ich weiß auch, dass es keine afrikanische Sprache gibt. Ich frage dich also vorsichtig, ob sie in Nigeria nicht eine andere Sprache sprächen als in Mali.

Auf dem Zettel stünden keine Verben, sagst du, weil man die nicht kenne, oder weil die zu schwierig seien, oder weil die in der Tat überall anders seien, so genau wissest du das jetzt auch nicht mehr. Was du weißt, ist, dass sich der Zettel ungefähr so ließt: In Afrika viel AIDS. Forscher Untersuchung warum.

Ich werde plötzlich sehr wütend.

Die Interessen der GIZ, sage ich – und ich sage absichtlich nicht: Geh I Zett wie eine Abkürzung und auch nicht Gitz wie Glitzer, sondern: Jizz, wie das englische Wort für Wichsvorlage – sind nicht die Interessen der Männer aus Subsahara-Afrika. Das widerspricht sich.

Das widerspricht sich nicht, sagst du. Du sehest das eher so wie Yin und Yang. Es gebe da unterschiedliche Interessen, weiß und schwarz, aber die stünden nicht zwangsläufig im Widerspruch, im Konflikt miteinander. Zwei gegensätzliche, aufeinander bezogene Kräfte, die zwar rivalisierten, aber voneinander abhingen und sich wechselseitig in den Vordergrund treten ließen.

Das hast du schön gesagt.

Und weil du das so schön gesagt hast und weil es auf all meine Fragen Antworten gab und weil ich all meine Argumente vorbringen konnte und weil all meine Lügen gelogen sind und es nichts mehr gibt, außer der Wut, gehe ich los.

Auf den Brachflächen vor dem Haus meiner Eltern ist es sehr schön. Ich klettere auf den Bahndamm und auch hier fühle ich mich sehr wohl, ich kann sehr weit sehen. Ich stelle mich an die Bahngleise und warte auf den Zug. Neben mir stehen ein paar schwarze Männer und wir warten gemeinsam. Langsam formieren sie einen Kreis um mich, ein Schwarzer tritt mich um, dann lacht er und sagt: Das ist wie Yin und Yang. Wenn der weiße Mann dem schwarzen Mann in den Mund kotzt, dann kotzt der schwarze Mann dem weißen Mann in den Mund.


Der Morgen ist da, deine Bettdecke liegt immer noch sauber gefaltet neben mir. Ich stehe auf und gehe ich in die Küche. Du hast deine glitzernden Schuhe angezogen, den Kindern die ihrigen gebunden. Du trinkst deinen Kaffee und stellst die dreckige Tasse in die Spüle.

Ich muss los, sagst du und küsst mich, dann schiebst du die Kinder ins Treppenhaus und schließt die Tür.

Ich habe von dir geträumt, sage ich. Du kommst, wie so oft in letzter Zeit, lange nach Feierabend nach Hause.