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Können Arbeiter meine Gedichte verstehen oder bin ich ein Arbeiter?

von Ellen Wesemüller


I. Im Hasenzüchterverein

Seitdem ich schreibe, literarisch schreibe, und das von mir Geschriebene in Literatur-Werkstätten zur Disposition stelle, sagen andere über meine Texte, sie seien „pädagogisch“. Ich müsse aufpassen, dass mein Roman nicht zum „Bildungsroman verkomme“, sagt man mir in diesen Seminaren, manchmal bemüht jemand das Fremdwort „didaktisch“. Nicht selten wird auch in die Schatztruhe der weniger wissenschaftlichen Worte gegriffen und das nach DDR oder linoleumverklebten Heimfluren riechende „erzieherisch“ herausgezogen.

Meine Geschichten seien „zu intellektuell“, „zu thesenhaft“ „zu reflektierend“, ich sei „programmatisch zu verplant“ und „ideologisch“, ich versuchte, den Leser zu „überreden“, sei „suggestiv“ und gegenüber meinen Figuren „denunziatorisch“.

Wenn es jemand einmal gut mit mir meint, nennt er meine Texte, den Essay Sartres „Qu'est-ce que la litérature?“ zitierend: „engagiert“. Ich fühle ich mich dadurch nicht erleichtert, sondern jedes Mal so, als schriebe ich mit der gleichen Motivation, mit der man einem Hasenzüchterverein vorsitzt, für Ökostrom wirbt oder Neuköllner Unterschichtskindern Nachhilfe im Fach „Ethik“ gibt. Es stellt sich kein Stolz ein, sondern Scham und ich merke, dass dem Wort „engagiert“ anders als zu Sartres Zeiten nicht der emanzipatorische Kampf, sondern der gutmenschelnde Krampf, meinen Texten doch noch etwas Positives abzugewinnen, innewohnt. Ich kann mich nicht des Gedankens erwehren, dass dieses Ringen um ein paar aufmunternde Worte einer Art repressiven Toleranz gleicht, die milde lächelnd Anerkennung heuchelt, um sich dann unauffällig abzuwenden und die Schublade mit mir und meinem Text darin sanft schubsend zuzustoßen.

Diese Adjektive, die ich jeweils in die obere rechte Ecke meiner Notizbuchseiten schreibe, unter die imaginierte Rubrik „Kritik, die ich nicht verstehe“, beschäftigen mich, sie lassen mich nicht in Ruhe. Ich kann die Ablehnung, die in ihnen zum Ausdruck kommt, nicht einordnen, nicht verarbeiten, ich kann meine Texte nicht umarbeiten - nicht, weil ich nicht wüsste, was ideologische Literatur ist, sondern weil ich nicht weiß, was nicht-ideologische Literatur ist.

Wenn ich schreibe, dann, um etwas auszusagen über Menschen in sozialen Beziehungen, die sie zurichten oder die sie retten, über ihre Alltage, in die sie verstrickt sind. Ich beobachte, ich schreibe auf, nicht, um meine Zeit totzuschlagen, sondern damit andere Leute das, was ich zu sagen habe, lesen, und zwar möglichst viele von ihnen, daran riechen, etwas fühlen, danach denken, nachdenken über die Welt, in der sie leben. So forme ich, wie die Dinge für mich zusammenhängen, formuliere darüber Thesen, von denen ich erst einmal annehme, dass sie richtig sind. Ich hoffe so - in der Einsenkung der Verhältnisse in Figuren - etwas beitragen zu können zu Welterkennungsmethoden, Wahrheitsfindungsstrategien, zu Glücksfang und Unglücksbekämpfung, etwas auszusagen über gesellschaftlich Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten, über Widerstand und die Lücken im System. Nicht zuletzt zu meiner eigenen Erkenntnis beizutragen, über die Revision meiner Gedanken durch die Leser, durch den Austausch mit anderen, durch gelebtes Leben zu neuen Erkenntnissen zu kommen, die dann im nächsten Text münden.

Wäre das keine Literatur, ich sähe keinen Sinn darin, zu schreiben.


II. Eine Lehr-Stelle

Auch der Essay, so heißt es manchmal, sei ein Textwerk „ohne Belehrung“. In Übereinstimmung mit meiner oben beschriebenen Erfahrung und eingeordnet in das Bewertungssystem diverser Glamour-Magazine stelle ich fest: Belehren lassen, auch eines Besseren, ist out. Die Vorsilbe „Be-“ klingt nach Bevormundung, Gängelung und Passivität, das Suffix „-ung“ klingt nach Vereinheitlichung, Engstirnigkeit und Dogma. Im Umkehrschluss lässt sich auf der anderen Spalte des Bewertungssystems verzeichnen, was in ist: die literarische Verarbeitung von Welt zum Zweck der aktiven, emotionalen Teilhabe am Gefühlsleben anderer, die mitnehmen, bewegen, ja: erschüttern kann, aber schlechte Laune möchte man davon nicht bekommen.

Keine Thesen, sondern Lust. Keine Erkenntnis, sondern Identifikation. Keine Aufklärung, sondern Einfühlung.

Und zwischen „Be-“ und „-ung“: die „-lehr-“-Stelle, die sich als Leerstelle heraus stellt. Denn dass die Abwertung über das Wortfeld „Lehre“ von den Institutionen des Bildungsbürgertums selbst kommt - von Literaturinstituten, Textwerkstätten, Feuilletons und Literaturzeitschriften –, Akteuren eines sozialen Feldes also, das die Bildung im Namen trägt, dem die Lehre von der Lehre inhärent ist, bleibt ungesagt.

Wer ist denn hier belehrend?“, könnte man also zurückrufen. „Ist nicht das ständige Belehren, nicht belehrend zu sein, überhaupt das Belehrenste von allem?“

Weil das aber niemand ruft, bildet sich ein Paradox. Bildung wird einerseits im kollektiven Gedächtnis als „gut“ gespeichert. Außer Acht bleibt dabei die Frage: Wer bildet wen, worüber und zu welchem Zweck? Andererseits wird eine künstliche Wand eingezogen – vielleicht gerade, um nicht an den Klassencharakter der Bildung, an die Scheinfreiheit des Geistes erinnert zu werden -, die die „Belehrung“ von der Lehre trennt und abwertet: Bildung ja, Belehrung nein.


III. Auf dem Beifahrersitz des Baggers

Noch nie hat jemand schwer einatmend, augenbrauenhochziehend und leicht kopfschüttelnd gesagt: Dein Text ist zu politisch.

Vielleicht sind meine Texte auch gar nicht politisch. Vielleicht aber, so denke ich, kommt dieses Adjektiv auch nicht über die Lippen, weil sich niemand zutraut zu sagen, was politische Literatur eigentlich sein soll. Das ist umso erstaunlicher, als dass in Zeiten der Krise eines finanzmarktdominierten Kapitalismus' gleichzeitig eine Sehnsucht nach und Hoffnung auf politische Texte bekundet wird, die sich nicht zuletzt an Schriftsteller heftet.

Man könnte nun auf die in krisenhafter Regelmäßigkeit wiederkehrende Frage, wie ein politischer Text zu schreiben sei, antworten: „Geht in die Jobcenter dieses Landes, stellt euch an der Schlange an, befragt den Menschen vor und den Menschen hinter euch und schreibt darüber!“ Das hört sich gut an. Aber anscheinend ist das nicht so einfach. Warum nicht? Fällt es schwer, Kontakt zu Menschen mit anderen Lebensrealitäten aufzunehmen? Gilt es als „journalistisch“, zu recherchieren? Oder erscheint diese Herangehensweise sogar als „historisch widerlegt“?

Literarische Texte als politisch zu begreifen, wenn sie die sogenannte Arbeiterrealität aufgreifen und verarbeiten, war eine der prominentesten Thesen der marxistischen Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts. Hier ist das Subjekt der Ausbeutung zu finden, so die Überlegung, hier formiert sich der Widerstand gegen dieselbige, darüber zu schreiben bedeutet, politisch zu schreiben.

So einfach und plausibel das klang, so wenig war klar, welche Praxis daraus zu folgen hatte. Schon in der Weimarer Republik stritten sich links-intellektuelle Bildungsbürger mit Arbeitern im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller darüber, ob Erstere über Letztere authentisch schreiben könnten und ob andererseits Letztere, die, die über sich selbst schrieben, die Arbeiter, überhaupt zum ästhetischen Schreiben in der Lage wären.

In der DDR wurden die Arbeiter konsequenter Weise nicht mehr als Subjekte der Ausbeutung angesehen, dennoch zählte die Arbeiterbeobachtung durch Schriftsteller zum guten Ton. So musste etwa jeder Student des Johannes-R.-Becher-Instituts in Leipzig ein Praktikum in einem Betrieb absolvieren. Am Rührendsten und zugleich Tragischsten ist das Scheitern der Widerspiegelungs-Theorie nachzulesen beim Absolventen Ronald M. Schernikau, der sich in „Tage in L.“ Gedanken über die Wirkung seiner extravaganten Schuhe auf die Genossen macht, während er sich auf dem Beifahrersitz des Baggers im Braunkohletagebau unendlich nutzlos vorkommt. Ein besseres Beispiel für anthropologische Zoologie, für literarischen Klassen-Tourismus, für das Nicht-Eins-Sein der unterschiedlichen Milieus im Arbeiter- und Bauernstaat gibt es nicht.

Aus dieser notwendigen historischen Erfahrung ist nur niemand schlau geworden. Die einzige Konsequenz scheint heute der Umkehrschluss zu sein, partout nicht mehr auf die Straße, in die Fabrik, auf die Ämter gehen zu müssen, sondern die Frage nach politischer Literatur ausschließlich auf Podien zu heben und in Zeitschriften zu behandeln.

Das ist umso absurder, als dass sich jene politischen Ereignisse zu überschlagen scheinen, die man versuchen könnte, zu beschreiben, einzufangen und weiterzutreiben: den arabische Frühling, die Anti-Atom-Bewegung in Japan, die Occupy-Bewegung, die Generalstreiks in Spanien und Griechenland, die Riots und Plünderungen in England.

Anderswo ist jedoch nicht hier. Denn während die Occupisten aus New York und Tel Aviv hierzulande begeistert rezipiert werden, inklusive ihrer essayistischen Verarbeitung, findet die Occupy-Bewegung in Deutschland irgendwie jeder niedlich.

Das hat sicherlich etwas mit denjenigen zu tun, die sich hierzulande unter dem Label Occupy versammeln. Das hat zu tun mit der Lethargie und Ideenlosigkeit aller, die sich nicht versammeln. Vor allem aber hat es damit zu tun, dass sich keiner vorstellen kann, dass hier wirklich einmal etwas völlig Neues passieren könnte.

So werden sich umgekehrt proportional so viele Gedanken über politische Literatur gemacht, wie sich andererseits nichts tut. Getreu dem Motto: Sagen kann man alles, nur machen kann man nichts.

Dass es politische Literatur trotzdem geben kann, ist dabei richtig und falsch zugleich. Jeder Text beschreibt Gesellschaft und macht damit einen mehr oder minder offensiven Vorschlag, welcher Natur gesellschaftliche Konflikte sind, ob und wie man sie lösen kann. Da unterscheidet sich Judith Hermanns Zu-zweit-auf-dem-Boden-Mitgebrachtes-vom-Chinesen-essen nicht von Dietmar Daths Cyborg-Visionen, in denen drei Verliebte im Körper der jeweils anderen leben. Beide Gesellschaftsporträts sind politisch, das eine romantisch-konservativ, das andere zukunftsweisend-kommunistisch.

Richtig ist, dass ein Text nicht gleich politisch ist, nur weil man recherchiert hat. Es ist nicht gleich ein politische Literatur, wenn man „über andere“ schreibt, die sich am Besten noch in einer gesellschaftlich diskriminierten Position befinden. Es kann auch Zeichen einer erfolgreichen Marktplatzierung sein, wenn die Feuilletons jubeln, dass die Romanautorin XY jetzt endlich „ihren Gesellschaftsroman“ geschrieben hat. Ein Text ist dann nicht politisch, wenn er voyeuristisch ist. Stattdessen sollte der Autor sich fragen, wie er das Gesehene und Gehörte mit seinem eigenen Leben in Verbindung setzen kann: Fühle ich mich von meinem eigenen Text mitgemeint?


IV. Können Arbeiter meine Gedichte verstehen oder bin ich ein Arbeiter?

Dem Diskurs über „politische Literatur“ liegen dabei zwei falsche, da nicht-dialektisch gedachte Dichotomien zu Grunde: zwischen Leben und Schreiben, zwischen Produktionsprozess und Produkt. Das Produkt (der Text) wird dabei als politisch imaginiert, ohne die Einbindung des Autors in Produktions- und Reproduktionsprozesse zu beleuchten, die Arbeitsbedingungen, unter denen das Produkt entstanden ist, die Stellung und Verwicklung des Autors in soziale und ökonomische Zusammenhänge sowie dessen eigene Reflexion darüber.

So titelte DIE ZEIT in einer Literaturausgabe: „Wie leben die Schriftsteller? Leben sie überhaupt oder schreiben sie nur?“ Und fragte die Schreibenden: „Stört das Leben Sie beim Schreiben?“

Bei solchen Titeln möchte ich, als eine, die von der Politik zum literarischen Schreiben gekommen ist, zurückfragen, ob die Journalisten nicht wissen oder absichtlich verschweigen, dass die wichtigsten (nicht nur deutschen) Literaten des vergangenen Jahrhunderts nicht nur Kinder erziehen und lohnarbeiten mussten, sondern politisch aktiv waren, zum Beispiel in der Kommunistischen Partei, gegen den Nationalsozialismus in Deutschland kämpften, gegen den Faschismus in Spanien, gegen den Kolonialismus, zwischendurch im Gefängnis saßen und manchmal sogar im Konzentrationslager.

Doch auch manche Schriftsteller leisten dem Klischee des schreibenden anstatt lebenden Menschen Vorschub. So erzählt Marguerite Duras in ihrem poetologischen Essay „Schreiben“, dass sie nur isoliert literarische Texte verfassen könne, währenddessen keine Liebesbeziehungen sondern allerhöchstens Affären zu führen in der Lage wäre und niemals ihre unveröffentlichten Manuskripte herzeige, um sie mit jemandem zu besprechen.

Doch gibt es nicht Umstände, die auch von Schriftstellern erfordern, etwas anderes zu tun, als einen Roman zu schreiben: Eine Beziehung zu erhalten? Vielleicht. Ein Kind zu bekommen? Sicher. Ein Haus mit anderen bewohnen? Kommt vor. Aber sich politisch organisieren, um die Revolution voranzutreiben? Das erscheint den meisten dann doch ein bisschen zu aufwendig.

Die Wahrheit ist leider: Man kann Marguerite Duras verstehen. Das ist alles sehr aufwendig. Und es ist vielleicht nicht jedem und in jeder Phase des Lebens möglich, all das zu tun. Vielleicht lautet die Frage deshalb nicht: Schreiben ODER Leben?, auch nicht: Schreiben ODER Revolution?, sondern: Wie können Sie mit Ihren Möglichkeiten zur politischen Umwälzung beitragen, INDEM Sie schreiben?

Die Trennung von Leben und Schreiben ist zwar „falsch“, entspricht aber einem „wahren“ Bedürfnis, das wiederum der krisenhaften Realität entspringt, der man entfliehen, von der man kein Teil sein möchte. Auch ich habe mit dem Schreiben angefangen, weil ich fälschlicher Weise annahm, es sei keine Arbeit. Doch das Romanschreiben ist Arbeit und nicht, wie gehofft, Nichtarbeit. Es ist nicht nur nicht Nichtarbeit, manchmal denke ich sogar, dass Künstler Selbstregierungspraktiken einüben, die später in anderen Bereichen genutzt werden können: Wir üben, unsere Arbeit nicht als Arbeit zu bezeichnen, sondern als Lust, und wenn sie uns einmal keinen Spaß macht, sind wir selbst Schuld. Wir üben, nicht bezahlt zu werden für das, was wir tun, nicht für unsere Textveröffentlichungen, Lesungen oder Vorträge, kaum bezahlt zu werden für unsere Buch-Publikationen. Wir üben, uns ständig selbst zu aktivieren, unsere stärksten Kritikerinnen zu sein, uns den Wecker freiwillig zu stellen, ihn auch an Samstagen und Sonntagen nicht auszuschalten, Timelines aufzuhängen, Zielvorgaben zu erarbeiten, zu netzwerken, uns auf Stipendien, Wettbewerbe, Preise und Aufenthalte zu bewerben und uns so nebenbei unsere eigene Finanzierungsgrundlage zu schaffen. Wir üben das nicht freiwillig, uns bleibt nicht viel anderes übrig. Und wenn das alles nicht klappt, jedenfalls nicht für die meisten, weil wir hier immer zu viele zu sein scheinen, weil es nicht so gedacht ist, dass sich alle, die wollen, künstlerisch ausdrücken und davon leben können, weil der Markt die Bedürfnisse formt, weil es kein bedingungsloses Grundeinkommen gibt: dann splittert dieses Wir, das nie eines war, und die einen gewinnen einen Vertrag bei einem großen Verlag, die anderen gehen wieder lohnarbeiten, oder „richtig“ arbeiten, wie sie sagen, die dritten bekommen wieder Geld von Eltern oder Großeltern.

All das sind Gebrauchsanleitungen für die Betriebe von morgen, oder besser: Wir sind die Betriebe von morgen. Und morgen ist heute.

Und obwohl ich mache, was ich will und es sich eigentlich nicht nach Arbeit anfühlen sollte, fühle ich mich leer und durcheinander und aufgebraucht, werte mich ständig selbst aus und auf und ab und die anderen mit ihrer Kritik machen mit, machen vor, und die meisten meinen es gut mit mir, damit ich schonmal üben kann, damit ich vorbereitet bin, weil die Kritik spätestens in den Feuilleton-Rezensionen steht.

Manchmal hätte ich dann gerne eine Lochkarte und eine Kantine, wie mein Vater sie gehabt hat, dann würde ich jeden Tag die Kantinenfrau mit Namen begrüßen und sie mich, und mein Zug führe immer dann und dann nach Hause und um die Kinder könnte ich mich so leider gar nicht kümmern.

Aber ich habe keine Lochkarte und keine Kantine, ich habe noch nicht einmal ein Büro. Ich habe auch keine Kinder und an dem Ort, an dem ich wohne, ist niemand und wenn ich nicht dort bin, stört es nicht weiter.

Und die Wahrheit ist leider: Bei solchen Verhältnissen hilft Negation auch nicht viel weiter.

Was also tun? In dem Diskurs von „politischer Literatur“ gibt es die Vorstellung eines „politischen“ Schreibens, ohne dass es ein „politisches“ Arbeiten, ein „politisches“ Leben geben müsste. Das ist absurd, würde man doch einer Kassiererin kein „politisches Kassieren“, einem Maurer kein „politisches Mauern“ und einem Postbankangestellten kein „politisches Kontoeröffnen“ unterstellen, würde er nicht an seinem Arbeitsplatz selbst politisch agieren, das heißt, sein Schicksal als kein Schicksal zu begreifen, seine Interessen am Arbeitsplatz erkennen und erkämpfen, sich zu diesem Zweck mit anderen zusammenschließen.

Genau das ist jedoch mit „politischem Schreiben“ nie gemeint. Gemeint ist der Text, die Sprache, vielleicht noch die Kommunikation über die Sprache, jedoch nicht eine gemeinschaftliche Kooperation im Arbeitsprozess.

Bisher jedoch liefen jedenfalls meine Versuche, einmal einen Text zusammen mit anderen zu verfassen, ins Leere. Frage ich in die Runde, lächeln die Menschen milde, dann wechseln sie elegant das Thema und ich merke es zu spät.

Das ist den Künstlern nicht anzulasten. Es ist eine Reaktion auf die Anerkennungsmechanismen des Literaturbetriebs, der Würdigungen nur an Individuen vergibt. Die Autorenschaft muss dafür klar erkennbar, trennbar und einzeln bewertbar bleiben.

Keinesfalls ist im Diskurs mit „politischer Literatur“ das gemeinschaftliche Handeln gegen die eigenen Arbeitsbedingungen gemeint. Der Musiker und Transgender-Aktivist Terre Thaemlitz sagt dazu: „Der ikonische, am Hungertuch nagende Künstler, der sich freiwillig ohne Lohn selbst verwirklicht, ist ein Streikbrecher, ohne dass er es weiß. Wenn Kulturindustrien zusammenbrechen, sobald wir angemessene Bezahlung für unsere Arbeit fordern, dann sei es eben so.“

Das wäre alles sehr niederschmetternd, ließe sich nicht daraus ableiten, was zu tun ist: Kollaborieren, die eigenen Produktionsbedingungen hinterfragen, nicht mehr hinnehmen. „Unter diesen Umständen kann wahre literarische Aktivität nicht beanspruchen, in literarischem Rahmen sich abzuspielen“, sagt Walter Benjamin. Dafür wäre es vielleicht nötig, anderes zu schreiben als den geforderten und geförderten Roman, Flugblätter zum Beispiel, Plakate oder Postkarten. Dafür könnte es nötig werden, andere Produktionswege zu erforschen, Eigendruck, E-Books, Blogs, jenseits der hierarchischen Wege der Verlagswelt, auf die nicht jeder herauf zu kraxeln im Stande ist. Dafür wäre es, schlussendlich, nötig, sich mit anderen auszutauschen und zu verbünden.

Um festzustellen, was politische Literatur heute ist, um zu sagen, ob jemand politisch schreibt, kann die Frage heute nicht mehr lauten: Kann ich die Arbeiter verstehen? Noch: Können die Arbeiter meine Gedichte verstehen? Sondern: Bin ich ein Arbeiter?